| Meister des richtigen Schliffs |
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Er besitzt die einzige Diamanten-Manufaktur in NRW: Ulrich Freiesleben. Seine Steine strahlen heller als Brillanten. Das beweist eine Studie des Fraunhofer-Instituts, die jetzt erschienen ist. Von Andreas Fasel Dass nicht jeder Diamant zwangsläufig ein facettenreich geschliffener Brillant sein muss - das ist die erste Lektion, die Freiesleben seinen Besuchern einschärft. "Der Brillant-Schliff ist im Grunde eine Erfindung des Barock, die später perfektioniert wurde", erklärt er, "und seit hundert Jahren wurde daran nichts Wesentliches mehr verändert." So hat sich schließlich auch in der Umgangssprache das Wort "Brillant" zum Synonym für "Diamant" eingeschliffen. Mithin ist die "Diamantmanufaktur" in Münster eine Kuriosität - und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens, weil dort eben keine Brillanten gemacht werden, sondern Schmucksteine, denen Freiesleben die Namen "Context Cut" und "Spirit Sun" gab. Und zweitens, weil Diamanten üblicherweise nicht in Nordrhein-Westfalen bearbeitet werden, sondern in Indien, Israel oder Idar-Oberstein. "Anfang der 90er Jahre habe ich die Steine noch nach meinen Angaben in Sri Lanka und Antwerpen schleifen lassen", sagt Freiesleben. Doch weil die dortigen Diamant-Schleifer "geradezu abgerichtet" seien auf die Herstellung von Brillanten, produzierten sie nach Freieslebens Plänen mehr Ausschuss als Edelstein. Diamanten für eine Million Mark habe er alles in allem verschliffen - und drei Schleifer-Meister zerschlissen. Dann traf Freiesleben in Sri Lanka auf Pieter Bombeke, der aus einer Antwerpener Diamant-Schleifer-Familie stammt und damals auf eigene Faust mit ungewöhnlichen Formen experimentierte. Und als er vor sechs Jahren zum ersten Mal die Zeichnung von Freieslebens "Context Cut" sah, so schwärmt Bombeke noch heute, "da war mir klar, dass das eine geniale Idee ist." Also kam er mit nach Münster und half Ulrich Freiesleben beim Aufbau seiner hochmodernen Diamantmanufaktur, in der fünf Schleifer, ein Produktionsmanager und etliche Computer arbeiten. Für den Feinschliff am "Context
Cut" legt aber nach wie vor Meister Bombeke selbst Hand
an. Eine heikle Aufgabe sei das, "weil alle handelsüblichen
Maschinen nur auf den Brillantschliff ausgelegt sind", schimpft
er. Die Form des "Context Cut" entspringt der Idee,
einem Diamanten genau den Schliff zu verpassen, der seiner Natur
am nächsten kommt. "Der perfekte Grundbauplan eines
Diamantkristalls ist das Oktaeder: eine doppelseitige Pyramide
mit acht Flächen", erklärt Ulrich Freiesleben.
"Und wir tun eigentlich nichts anderes, als dass wir das
Herz eines solchen Oktaeder-Diamanten herausschälen." |
Ein Herz, das gewisse formale Härten aufzuweisen hat und eher ins Auge sticht, als dass es ihm schmeichelt wie der Brillant. Das gibt auch Freiesleben gerne zu, "aber so ist nun mal das Wesen des Diamanten". Betrachtet man den "Context Cut" von oben, sieht man ein geometrisch exaktes Quadrat, von der Seite zwei unterschiedlich hohe Spitzen: Oben ist der Stein flacher als unten. Die dadurch entstehenden Winkelverhältnisse sind entscheidende Voraussetzung für die optimale Reflexion des Lichts. Und das wiederum ist für einen Diamanten, der in seiner Reinform ja vollkommen farblos ist, das wohl wichtigste Kriterium. "Wie hell strahlen deine Diamanten?" war also für Freiesleben die Gretchenfrage. Denn so lange er darauf keine objektive Antwort geben konnte, wollte niemand an seine Idee glauben. Schließlich, nach einer Recherche, die von ähnlichen Irrungen und Wirrungen begleitet war wie die Suche nach dem richtigen Schleifermeister, fand Freiesleben das Fraunhofer-Institut in Jena. Und siehe da: Die Wissenschaftler bescheinigten dem "Context Cut", er reflektiere bei diffuser Beleuchtung mehr Licht als ein so genannter Brillant-Idealschliff. Freiesleben beschreibt das Ergebnis so: "Ein Brillant glitzert stärker, unsere Steine haben mehr Leuchtkraft." Aber das war nicht alles: Noch heller als der "Context Cut" strahlte ein ganz anderer Diamant. Und der stammt ebenfalls aus der Münsteraner Manufaktur: der "Spirit Sun". "Nachdem wir 1992 die Entwicklung des "Context Cut" abgeschlossen hatten", berichtet Freiesleben," da wollten wir halt auch mal einen runden Stein machen." Der geschmähte rund geschliffene Brillant war eben doch eine Herausforderung. Dabei sollte aber auch der neue Schliff klar und nüchtern sein wie der "Context Cut". Und so läuft auch der "Spirit Sun" auf beiden Seiten spitz zu. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass bei dieser Form nicht nur vier, sondern 16 Flächen auf eine geometrisch genaue Spitze zugeschliffen werden müssen. So hält die "Diamantmanufaktur" jetzt die Patente für zwei Formen: "Von denen verkörpert der "Spirit Sun" eher das weibliche Prinzip", findet Ulrich Freiesleben. Und mit dem quadratischen "Context Cut" habe endlich auch der Mann einen angemessenen Partner bekommen - von wegen: "Diamanten sind die besten Freunde der Mädchen." Wurde ohnehin Zeit, dass Marilyn Monroe endlich zur Ruhe kommt. Infos und Führungen: 0800-3734375 |